Single Mothers Project Ghana - Ein Tag, der bleibt – Bolgatanga, Winkogo und die Kraft der Frauen
- Virginie Lawson
- 1. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Nach rund zweieinhalb Stunden Reise sind wir endlich in Bolgatanga angekommen. Die Staubstraße lag hinter uns, das Hotel vor uns. Einchecken, ankommen, durchatmen. Der Nachmittag gehörte der Ruhe – und den Gedanken. Gemeinsam sassen wir da, liessen den Tag ausklingen und besprachen in aller Stille, was wir am nächsten Morgen im Meeting besprechen wollten. Start: 10 Uhr. Ein klarer Plan, ein ruhiger Abend, viel Vorfreude.
Am nächsten Morgen wachte ich entspannt auf. Kein Ziehen im Rücken, keine Müdigkeit von einer endlosen Busfahrt. Der Flug hatte sich gelohnt – für meine Gesundheit und für diesen Moment. Der Himmel war tiefblau, die Luft trocken, die Sonne schon früh kraftvoll. Es war deutlich wärmer als am Vortag. Und doch: genau richtig. Ich habe es in vollen Zügen genossen.
Nach dem Frühstück machte ich mich noch kurz auf den Weg in die Stadt. Geld abheben – für die Batik-Frauen. Es war der Erlös aus dem Verkauf ihrer Stoffe. Eine schöne Summe. Eine Summe, die nicht nur Zahlen bedeutet, sondern Anerkennung, Würde und Stolz.
Pünktlich um zehn schnappte ich mir ein Tuc-Tuc – hier heissen sie „Can-Do“. Nach ein wenig Feilschen um den Preis ging es nach Winkogo. Als ich ankam, waren die Frauen bereits da. Zwölf Frauen insgesamt, nicht die komplette Gruppe – sechs konnten nicht teilnehmen. Die Mehrheit: aus der Batik-Truppe. Sie warteten. Auf uns. Auf diesen Austausch.
Das Meeting begann mit einem Gebet in FraFra, der Sprache der Upper East Region. Ein stiller, kraftvoller Moment.

Danach erklärte Dan, wie wir uns das Treffen vorstellten: Jede sollte erzählen – wann sie gestartet ist, was sie gelernt hat, worauf sie stolz ist und wo es noch schwierig ist.

Die Schneiderinnen begannen. Viele von ihnen sind von Anfang an dabei. Sie können selbständig Masse nehmen, Schnittmuster erstellen, nähen. Wir fragten: Was ist eure grösste Herausforderung? Eine Frau erzählte, dass sie nie zur Schule gehen konnte. Das Aufschreiben und Zuordnen der Masse falle ihr schwer. Gemeinsam überlegten wir: immer die gleiche Reihenfolge, kleine Zeichnungen, eigene Techniken finden. Lösungen entstehen oft genau hier – im Gespräch, im Zuhören.
Viele Frauen kämpfen mit ihren Nähmaschinen: ausgelassene Stiche, blockierende Handräder, Probleme beim Transport. Wir werden einen Mechaniker organisieren und prüfen, was repariert werden kann. Denn eine funktionierende Maschine ist kein Luxus – sie ist die Grundlage ihres Einkommens.
Die Lernenden im dritten Jahr besuchen regelmässig ihre Associated Meetings. Dort wählen sie ein Design und haben eine Woche Zeit, es zu nähen. Das braucht viel Stoff. Bereits letztes Jahr konnten wir dank eurer Spenden Stoffe in Accra einkaufen und den Frauen zur Verfügung stellen – das hat enorm geholfen. Unsere Abmachung: Für das erste Prüfungsdesign stellen wir den Stoff. Wird die Prüfung nicht bestanden, müssen sie den Stoff selbst kaufen. Das motiviert – zu Genauigkeit, zu Fokus. Und doch ist es nicht leicht: Kundinnen, Kinder, Alltag. Wir haben sie ermutigt, bewusst Zeit für ihre Prüfungsstücke zu reservieren.
Dann wurde gelacht. Ich fragte: Was näht ihr am wenigsten gern? Eine Schneiderin sagte: Langarm-Shirts. Warum? Weil sie früher immer wieder Ärmel vertauscht hat – vorne, hinten, alles durcheinander. Wer näht, kennt das. Ich selbst habe es einmal geschafft, einen Ärmel ins Halsloch zu nähen. Projekt ruiniert. Weg damit. Wir lachten gemeinsam.
Eine andere erzählte von ihrem persönlichen Endgegner: Hosen. Jedes Mal, wenn Männer sie anzogen, konnten sie nicht urinieren – der Hosenschlitz war zugenäht. Das Gelächter war laut, herzlich, befreiend. Heute? Haben sie ihre Endgegner besiegt. Sie können alles nähen.
In Ghana ist es üblich, dass Lernende entweder nur Damen- oder nur Herrenbekleidung nähen. Wir konnten ihnen jedoch einen Lernplatz organisieren, an dem ein Mann und eine Frau gemeinsam arbeiten. So lernen sie beides. Unser nächstes Ziel: Overlock-Nähen. Viele nähen ihre Teile und geben sie dann weiter – an jemanden, der den ganzen Tag nur overlockt. Unser Wunsch ist, dass sie ihre Produkte von A bis Z selbst herstellen können. Wenn es so weit ist, werden wir eine Overlock-Maschine organisieren.

Auch die Weberinnen berichteten von Problemen: Der Webrahmen hat eine Fehlfunktion, der Hersteller vertröstet sie immer wieder. Auch hier werden wir nachfassen. Versprochen.
Dann kam Jennifer. Und mit ihr eine Geschichte, die bleibt. Als wir das Projekt 2023 starteten, war sie bereits zwei Jahre in der Lehre. Sie konnte sich weder das Lehrgeld noch den Webrahmen leisten. Dank eurer Unterstützung konnten wir beides finanzieren. 2024 schloss sie ihre Lehre erfolgreich ab. Sie kam extra zum Meeting, um Danke zu sagen. Heute ist sie selbständig. Sie hat ihren eigenen Shop, eine Lernende – und Kundinnen. Ihre Mutter ist krank, Jennifer pflegt sie zu Hause. Die Selbständigkeit ermöglicht ihr genau das. Würde. Selbstbestimmung. Zukunft.

Bei den Batik-Frauen ist es ein wenig komplizierter – und genau deshalb so wichtig. Die letzte Produktion war im Dezember, als Nana vor Ort war. Olivia, ihre Anführerin, hat ein Kind bekommen. Leben passiert. Gemeinsam haben wir entschieden: Ein Teil der Einnahmen wird für neues Material genutzt, um einen weiteren Batch zu produzieren. Den Rest haben wir unter den Frauen aufgeteilt. Ein verspätetes Weihnachtsgeschenk. Ein Zeichen: Ihr seid nicht vergessen.
Warum ich das alles erzähle
Weil jede Spende wirkt. Weil aus Stoffen Existenzen werden. Weil aus Unterstützung Selbständigkeit wächst. Und weil diese Frauen zeigen, was möglich ist, wenn man an sie glaubt.
Wenn du beim Lesen das Gefühl hattest, du wärst dabei gewesen – dann bist du es im Herzen schon. Hilf uns, diese Geschichten weiterzuschreiben. Mit deiner Spende. Mit deinem Vertrauen. Mit deiner Menschlichkeit.
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